Die Heilerin – 1. Kapitel

So tretet herbei, all ihr, die ihr Geschichten liebt, und setzet Euch um’s warme, prasselnde Feuer. Hüllet Euch in warme Felle und lauschet meiner Stimme.

Heute Nacht will ich die Geister beschwören und Euch eine Geschichte aus längst vergangenen Tagen erzählen, welche oft und vielerorts schon erzählt worden ist.

Doch ist’s auch wirklich so geschehen? Oder sieht die Wahrheit, wie so oft, ganz anders aus?
Nun denn, höret zu was sich vor langer, langer Zeit hoch im Norden zutrug.

Dort, wo das Licht der alten Götter die Erde berührt …

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Verschleppt

 

Als die Reiter tief in der Nacht das Lager erreichten, war sie bewusstlos. Zu lange hatte sie bäuchlings über dem Pferderücken gelegen, mit auf den Rücken gebundenen Händen.

***

Nachdem sie sich anfangs noch nach Kräften gegen ihre Verschleppung gewehrt hatte, hatte ein Schwert an ihrer Kehle ihr die Entschlossenheit ihrer Häscher gar deutlich vor Augen geführt, und sie gab ihren erbitterten Widerstand auf, in der Hoffnung, dass sich ihr später vielleicht noch eine Möglichkeit zum Entkommen böte. Das anfängliche Galoppieren raubte ihr die Luft zum Atmen, doch als die Angreifer keine möglichen Verfolger mehr fürchteten, verlangsamten sie ihr Tempo. Doch auch der Tölt und später der Trab vereinfachten ihr das Atmen nicht, und ziemlich bald schmerzte ihr gesamter Körper.

Stunde um Stunde verging. Mittlerweile schmerzte sie jede Bewegung des Tieres, auch wenn sie seit geraumer Zeit schon nur mehr im Schritt ritten, damit die Ponys auf dem schmalen, abschüssigen Pfad nicht den Halt verloren. Sie hatte die Hoffnung mittlerweile schon aufgegeben, dass die Reiter eine Rast einlegen würden. Zu zielstrebig verfolgten sie ihr Ziel, trieben ihre Ponys immer weiter voran. Vor allem ihr Anführer mahnte immer wieder zur Eile. Und hatte sie anfangs noch geglaubt, dass sie lediglich ein zufälliges Opfer war, ließ gerade diese Zielstrebigkeit sie nun langsam auch daran zweifeln. Und mit dem Zweifel kamen die Fragen.

Warum hatte man ausgerechnet sie verschleppt? Man hörte immer wieder von Überfällen, begangen von Plünderern und eidbrüchigen Gefolgsleuten, die einfache Bauern um das hart erarbeitete Brot brachten, und sich an Weib und Töchtern vergingen. Wenn diese ihr nacktes Leben als Gut behielten, konnten sie den Göttern auf Knien für deren Wohlwollen danken. Diese Kunde erreichte ihre Siedlung jedoch meist von den Dörfern, die näher an der Küste, den Fjorden oder den Flüssen lagen. Dort waren die Wege durch den Handel schon breit und festgetreten, so dass Plündererscharen leichteres Spiel und üppigere Beute hatten.

Ihr Dorf hingegen lag weit abgelegen, versteckt zwischen den Ausläufern des großen Gebirges. Gut geschützt durch die letzten Wälder, die sich ans Gebirge schmiegten und deren Bäume, je näher sie den Gipfeln standen, immer knorriger und karger im Wuchs waren. Reisende kamen nur sehr wenige durchs Dorf. Und wenn, dann hatten sie einen guten Grund.

Denn nur in den Sommermonaten war der Pass über die ‚þrír bræður‘, wie die drei höchsten Gipfel genannt wurden, begehbar. Wer in den Wintermonaten den Pass der ‚Drei Brüder‘ überschreiten wollte, diesen fand mit ziemlicher Sicherheit der weiße Tod. Solch arme Seele wurde meist im nächsten Sommer von Wanderern gefunden, und fand mit Glück seine Ruhe unter einem Steinhaufen. Die ganz Unglückseligen dienten den wilden Tieren, und, so erzählte man sich, nicht selten auch den Trollen, als Speise. Nicht ohne Grund erhielt der Weg vor langer Zeit seinen Namen, ‚Cairnsamsvörun‘, was ‚Steinhügel-Pass‘ bedeutet.

Die Schmerzen waren mittlerweile unerträglich, und hinderten sie schon seit geraumer Zeit am Denken. Ihr Mund war entsetzlich trocken, ihre Zunge pelzig, denn sie hatte seit Stunden nichts mehr getrunken. Mit letzter Kraft bemühte sie sich auf den immer gleichbleibenden Rhythmus des Ponys zu konzentrieren, um sich so wach zu halten. Immer verzweifelter kämpfte sie gegen die drohende Ohnmacht an, aus lauter Angst, daraus nicht mehr zu erwachen. Doch so langsam schwanden ihr die Sinne …

Kurz bevor sie ganz in die Dunkelheit fiel, zog jemand grob ihren Kopf an ihren Haaren hoch, und riss sie kurz aus ihrer Lethargie.
„Haaalt!“, brüllte der Reiter, auf dessen Pony sie wie ein Sack Korn transportiert wurde.

Das Pferd kam zum Stehen. Gesprächsfetzen drangen an ihr Ohr, doch war sie nicht mehr in der Lage, das Gesprochene zu verstehen. Sie spürte eine Bewegung vor sich, dann wurde ihr Kopf erneut hochgerissen, doch sie schaffte es kaum, ihre Augen zu öffnen. Doch plötzlich schmerzten ihre Wangen und holten sie wieder in die Wirklichkeit zurück. Sie sah das Gesicht des jungen Hauptmanns nah vor sich, sorgenvoll musterten seine dunklen Augen sie.
„Sie braucht eine Pause. Wir machen Rast.“

Kaum hatte der Hauptmann das Kommando gegeben, saßen die Reiter ab und banden ihre Ponys an den Bäumen fest, wo diese sich sofort genüsslich am saftigen Blattgrün des üppigen Unterholzes gütlich taten. Man hob sie vom Pony herunter und setzte sie an einen Baum ins Moos. Ihre im Rücken gefesselten Hände wurden von dem rauen Sisal befreit, jedoch nur, um vorne erneut aneinandergebunden zu werden. Aus einem Wasserschlauch wurde ihr Wasser eingeflößt, welches sie in gierigen Schlucken trank. Das Wasser belebte ihre Lebensgeister wieder, und weckte auch ihren Widerstand aufs Neue.

Vorsichtig sah sie sich um. Ihre Häscher waren fünf kräftige Krieger, gekleidet in voller Kampfausrüstung, wenn man von den fehlenden Kettenhemden einmal absah. Auch trugen sie kein Wappen, welches ihre Herkunft angab, und auch die Kampfschilde trugen keine Zeichen. All das deutete darauf hin, dass die Krieger ihre Mission schnell und im Verborgenen durchführen wollten.

Ihr Blick fiel auf die Reittiere der Krieger, fünf stattliche große Ponys. Auch nach einem solch langen Ritt strotzten diese Tiere noch vor unbändiger Energie. Ihre Reiter dagegen sahen allesamt abgekämpft aus, vermutlich hatten sie heute schon eine sehr lange Zeit im Sattel verbracht. Vermutlich waren sie schon seit einigen Tagen unterwegs auf dem Weg zu ihrer versteckten Hütte, denn der Weg herauf ins Gebirge ist weitaus beschwerlicher als herunter.

Doch selbst jetzt würde sie es auch nicht einmal mit einem Einzelnen von diesen aufnehmen können, geschweige denn mit allen zusammen. Die hohen Bäume standen in diesem Teil des Waldes hier dicht an dicht, und das Buschwerk war weitaus üppiger als in den moosüberwucherten Wäldern mit seinen knorrigen Bäumen rund um ihr Dorf. Sie mussten schon ein gutes Stück näher an der Ebene sein, vermutete sie. Eine Flucht wäre schwierig, jedoch nicht unmöglich, wenn sie denn im dichten Unterholz ein gutes Versteck fände. Doch sie musste abwarten. Auf einen günstigen Moment. Abwarten und zu Kräften kommen.

Sie sah wieder zu den Männern. Während zwei der Männer die Ponys tränkten, unterhielten sich die anderen in einiger Entfernung leise miteinander. Doch halt! Sie zählte nur noch vier Mannen. Wo war der Fünfte? Angespannt setzte sie sich auf. Sollte dies schon die ersehnte Fluchtmöglichkeit sein? Leise und unauffällig versuchte sie auf ihre Beine zu kommen. In diesem Moment knackten hinter ihr Zweige und sie zuckte erschreckt zusammen.

„Wolltest Du etwa verschwinden, Hexe? Aber nicht doch!“ Ein großer bärtiger Kerl stand mit einem Mal über ihr und grinste sie hämisch an. Ängstlich wich sie zurück, jedoch nur soweit, bis die Buche hinter ihr sie stoppte. Der Bärtige, kam immer näher. Sie kannte ihn vom Sehen, ein versoffener Landstreicher war er, immer verwickelt in Streitereien. „Wollen doch mal sehen, was Du so zu bieten hast.“ Er griff an ihren Hals, doch sie schlug seine Hand fort. Sie wollte von diesem widerlichen Menschen nicht angefasst werden.

Doch das machte den Bärtigen nur wütend. Abermals griff er an ihren Hals, drückte sie fest gegen die Baumrinde. Verzweifelt rang sie nach Luft und Halt. Schreien konnte sie nicht, zu fest drückte diese riesige Hand gegen ihren schlanken Hals. Lediglich ein atemloses Stöhnen brachte sie hervor. Ohnehin war sie sicher, dass niemand ihr zu Hilfe geeilt wäre. Hier, in den Tiefen der Wälder, konnte sie auf keinen Befreier gegen ihre Häscher hoffen. Lediglich ihre Entführer hätte sie damit noch gegen sich aufgebracht. Ihr Instinkt riet ihr, nicht unnötig jemandes Zorn auf sich zu ziehen. So lange es eben ging.

Doch die Luft wurde ihr langsam knapp und panisch suchten ihre Hände am Wanst des Bärtigen Halt. Da tastete ihre Hand mit einem Mal etwas Hartes. Sie erkannte sofort, was es war. Fest umschloss ihre Faust den Knauf den Schwertes, welches ihr Angreifer an seinem Gürtel trug. Mit letzter Kraft hob sie ihr Bein, trat dem Bärtigen zwischen seine Beine, so dass er zurück taumelte, und zog mit einem Ruck das Schwert aus seiner Scheide.

In der Zwischenzeit waren die anderen auf ihren Kampf aufmerksam geworden und herbeigeeilt. Verzweifelt streckte sie den Männern das schwere Schwert entgegen, wild entschlossen, sich zu verteidigen.
„Kommt mir nicht zu nahe! Lasst mich gehen!“
„Leg das Schwert nieder, Heilerin! Es wird Dir nicht nützen. Du bist geschwächt. Wie willst Du gegen fünf starke Krieger bestehen?“, forderte der Hauptmann sie auf.
„Vier!“, berichtigte sie, mit einem Kopfnicken zu dem Bärtigen, der sich immer noch vor Schmerzen auf dem Boden krümmte. „Dieser dort wird euch nicht helfen können!“

Der Hauptmann, ein großer Mann mit langen dunklen Locken und Augen, so schwarz wie die Nacht, lachte kehlig.
„Das stimmt! Doch auch gegen vier kannst Du nichts ausrichten, Weib. Also gib mir das Schwert!“

Fordernd hielt er ihr die Hand entgegen, doch in ihrer Angst hielt sie das Schwert fest umklammert. Die restlichen Krieger begannen sie nun einzukreisen, grinsend, die Abwechslung, die sich ihnen bot, sichtlich genießend. Es war deutlich zu erkennen, dass sie der zitternden Frau mit dem Schwert in den Händen, keinerlei Gefahrenwert zumaßen. Fieberhaft versuchte sie, jeden einzelnen im Auge zu behalten, was ihr immer weniger gelang, je mehr sich der Kreis um sie schloss. Wütend schnitt sie mit dem Schwert durch die Luft, als einer der Männer ihr zu nahe kam. Er wich gekonnt, geradezu spielerisch aus, und die anderen brachen in Gelächter aus. Ihr war klar, dass sie mit ihr nun wie Katzen mit einer Maus spielen würden. Ihre Verzweiflung wurde größer. Was würden sie machen, wenn sie genug von ihr hatten? Sich einer nach dem anderen an ihr vergangen hatte? Würden sie sie foltern? Sie töten?

Nachdem die Männer noch einige Male ihren Spaß mit der Heilerin hatten, griff der Anführer ein und zog sein Schwert.
„Schluss jetzt! Ihr hattet nun Euren Spaß!“ Er trat einen Schritt auf sie zu und zwang sie somit, ihre volle Aufmerksamkeit auf ihn zu richten. Dies gab seinen Mannen die Gelegenheit, sie von hinten zu ergreifen und ihr das Schwert zu entwinden. Die verängstigte Frau war mittlerweile so erschöpft, dass es den Kriegern ein Leichtes war, sie nun noch zusätzlich an den Füßen zu fesseln. Schließlich lag sie, noch fester verschnürt als vorher, wieder an dem Baum, und kämpfte verzweifelt mit den Tränen. Ihr Schicksal schien besiegelt, und große Hoffnungslosigkeit überkam sie.

Während die Krieger sich wieder ihrem eigenen Wohlbefinden widmeten, saß der Hauptmann der Truppe in einiger Entfernung auf einem umgestürzten Baumstamm und beobachtete sie. Er hatte vor zwei Tagen von seinem Herrn den Auftrag bekommen, ihm diese Heilerin zu bringen. Was sein Herr genau von ihr wollte, hatte er ihm nicht kundgetan. Und es stand ihm auch nicht zu, nach dem Grund eines Befehls zu fragen. Den ganzen Weg hinauf zum Pass rätselten die Reiter jedoch, was ihr Herr wohl von einer alten Heilerin wollte. Sollte sie ihm seine Zukunft aus heiligen Runen lesen? Die alten Götter um ein besseres Schicksal bitten? Oder litt ihr Herr etwa an einer Krankheit, und benötigte er darum das Wissen und die Heilkunst einer Kräuterhexe?

Doch seitdem Wiglaf sie das erste Mal erblickt hatte, konnte er sich zumindest einen Grund vorstellen. Denn die Heilerin war wider Erwarten kein schrumpeliges, gebeugtes Weib, sondern eine junge Frau. Sie kauerte auf einer Wiese, nicht sehr weit hinter dem letzten Waldstück, dort wo die Bäume keinen Halt mehr in der felsigen Erde fanden, und nur noch Büsche und Sträucher ihre Wurzeln in den Felsen schlugen um den eisigen Nordwinden, die von den Gipfeln die Kälte ins Tal trugen, zu trotzen. Sie war gerade dabei Kräuter zu pflücken. Als sie den Reiter in einiger Entfernung zwischen dem Gestrüpp bemerkte, erhob sie sich.

Genau seit diesem Moment hatte ihn das Weib in ihren Bann geschlagen. Denn sie war eine wirkliche Schönheit. Ihre blutroten Haare waren zu einem langen dicken Zopf geflochten, der ihr seitlich um den schlanken Hals über der Brust lag, gleich einer Rosenranke. Widerspenstige Locken fielen in ihr hübsches schmales Gesicht, umrahmten es zart und hoben sich deutlich von ihrer hellen Alabasterhaut ab. Ihr langes grünes Gewand war einfach und bis auf ihre braune, geflochtene Lederkordel gänzlich schmucklos, doch brachte es ihre weichen Rundungen wunderbar zur Geltung.

Wachsam, jedoch ohne Angst stand sie dort auf der Lichtung, wie eine der Waldelven. Bis ein Reiter nach dem anderen aus dem Dickicht brach. Und mit einem Mal wirkte sie eher wie ein aufgescheuchtes Reh, welches sich von Wölfen umzingelt sah. Sie wandte sich zur Flucht und versuchte, eine größere Ansammlung von dichtem Buschwerk in der Nähe des Waldrandes zu ihrer Rechten zu erreichen.

Doch gegen die Schnelligkeit der Ponys, mitsamt ihren Reitern, hatte sie nichts entgegenzusetzen. Die Reiter machten sich einen Spaß daraus, sie zu jagen und ihr den Weg abzuschneiden, um sie langsam zu ermüden. Doch sie gab nicht auf, wich den Reitern geschickt und wendig aus, versuchte immer wieder das Buschwerk zu erreichen. Doch nach einiger Zeit wurde sie langsamer, ihre Schritte wurden unsicherer und einige Male fanden ihre Füße keinen sicheren Halt und sie wäre beinahe gestrauchelt. Sie hatte kaum noch Kraft. Kurze Zeit später gab der junge Hauptmann das Zeichen zum Zugriff. Sogleich preschte einer der jüngeren Reiter heran, griff sie im Galopp um die Hüfte und zog sie lachend und unter dem Jubel der anderen auf sein Pferd. Damit war das Schicksal der Heilerin besiegelt.

Er sah den Bärtigen zu ihr hinschlendern. Sogleich wanderte seine Hand zu seinem Schwert und jeder Muskel seines Körper spannte sich an. Halga war aufbrausend und jähzornig, und die Demütigung, die ihm die Heilerin beigebracht hatte, saß tief. Wiglaf war von Anfang an nicht wohl dabei gewesen, ihn auf diese Unternehmung mitzunehmen. Doch sein Herr bestand darauf, und weil sie unbedingt einen Führer brauchten, der sie bis hinter die entlegene Siedlung an den Passpfad brachte, wo die Heilerin ganz versteckt in einer kleinen Steinhütte zwischen den Felsen hauste, stimmte Wiglaf letztendlich zu.

Die Schönheit der Heilerin hatte auch Halga in ihren Bann gezogen, doch dieser hatte nur Met, Bjórr, Weiber und Raufereien im Kopf. Seit jeher besaß er einen einfachen Geist, war ein Streuner und ein Herumtreiber. Halga wollte sich einfach nur an diesem schönen Weibe vergehen. Mit ihrer Abfuhr und seiner Entwaffnung hatte sie ihn tief in seiner Ehre gekränkt und so seinen Zorn auf sich gelenkt. Und den wollte er sie nun spüren lassen. Schon war er über ihr, und riss ihren Kopf an ihren Haaren grob nach hinten, als Wiglaf aufsprang und sein Schwert zog.

„Halga! Lass sie in Frieden!“ Ohne das Haar der wimmernden Frau loszulassen drehte Halga seinen Kopf zu ihm.
„Diese Hexe hat mich angegriffen und verletzt, sie ist ein tollwütiges Tier!“
„Sie hat sich Dir gegenüber nur verteidigt, also rühr‘ sie nicht an!“ Wiglaf ging Schritt für Schritt langsam auf den Bärtigen zu, welcher  immer noch keine Anstalten machte, die Heilerin in Frieden zu lassen.
„Sie hat mich meiner Ehre beraubt, ich habe ein Recht, es mir zurückzuholen!“
Wie ein knurrender Hund seinen Knochen verteidigt, war Halga entschlossen, sich an der Heilerin zu rächen.

„Lass sie in Ruhe! Mein Herr hat nach ihr schicken lassen, und wir bürgen mit unserem Leben, dass wir sie unbeschadet im Lager abliefern!“ Drohend schnitt Wiglaf mit seinem Langschwert durch die Luft. Er stand nur noch zwei Schwertlängen entfernt, und es wäre ihm ein Leichtes gewesen, den Landstreicher zu besiegen, doch dieser stand immer noch über der Heilerin, und ihr Leben zu schützen war oberste Priorität. Wiglaf wollte unbedingt verhindern, dass ihr etwas geschah.
„Das mag für Euch so zutreffen, jedoch bin ich keiner der Gefolgsleute Eures Herrn, und ich verlange Genugtuung!“ Damit wanderte Halgas Hand in Richtung seines Gürtels, wo sein Messer steckte, was die verängstigte Frau mit einem leisen Schreckensschrei quittierte.

Hatten die anderen Männer die Situation bisher nur beobachtet, erhob sich nun einer nach dem anderen und zog seine Waffe, bereit ihrem Anführer getreu zur Seite zu stehen. Wachsam nahmen sie Aufstellung, umkreisten die Szene, wachsam und jederzeit bereit einzugreifen.

„Lass das Messer stecken, Halga! Ich schwöre bei Thor, dass Du eher deinen Kopf verlierst, als der Heilerin ein Leid zuzufügen.“ Wieder schnitt Wiglaf drohend mit seinem Schwert durch die Luft. Er war nun zu allem bereit, und man konnte ihm seine finstere Entschlossenheit deutlich ansehen. „Du kannst Genugtuung einfordern, jedoch bei mir! Die Heilerin steht unter meinem persönlichen Schutz, bis ich sie meinem Herrn übergeben habe. Ihm kannst Du im Lager Dein Anliegen vortragen. Ich weiß nur nicht, ob Du es jedem auf die Nase binden willst, dass Du in Deiner grenzenlosen Wollust von einem schwachen Weib entwaffnet und überwältigt worden bist.“

Halga verzog sein Gesicht zu einer wütenden Grimasse, als die anderen in lautes Gelächter ausbrachen. Er war ein Raufbold, doch auch ein Feigling. Mit den Kriegern des Häuptlingssohnes konnte er es nicht aufnehmen, das war ihm bewusst. Mit einem Ruck zog er den Kopf der verängstigten Frau noch einmal nach hinten und kam bis auf wenige Zoll an ihr Gesicht heran.

„Das wirst Du noch bereuen, Hexenweib! Ich werde Dich nicht ungeschoren davonkommen lassen, das schwöre ich Dir!“ Mit einem erneuten Ruck nach hinten ließ er ihr Haar los, so dass ihr Hinterkopf an den Stamm prallte. „Ich verschwinde! Ich sollte Euch an den Pass bringen, mehr nicht! Eure ach so edle Gesinnung kommt mir zum Halse heraus. Seht zu, wie ihr ins Lager herunterkommt! Der Weg ist noch weit, und die Dämmerung setzt bald ein. Passt auf, dass ihr Euch nicht verirrt, ihr edlen Recken.“ Damit schwang er sich höhnisch lachend auf sein Pony und verschwand zwischen den Bäumen.

Wiglaf kniete sich zur Heilerin herunter, die sichtlich benommen war, und untersuchte sie. „Geht es Euch gut?“ Grau-grüne Augen blickten ihn verschwommen an.
„Es geht schon. Vielen Dank, dass Ihr mich vor ihm beschützt habt. Auch wenn Ihr dazu keinen Grund habt.“
„Ich habe einen Grund. Mein Herr hat nach Euch geschickt. Zu ihm soll ich Euch bringen.“
„Bitte!“, ihre Stimme klang flehentlich, „Bitte sagt mir: In welchen Diensten steht Ihr?“ Er erhob sich.
„Das werdet Ihr noch früh genug erfahren, Heilerin. Ich bin nicht befugt, Euch diese Auskunft zu geben.“ Er wandte sich zu den verbliebenen Reitern. „Aufsitzen! Wir versuchen das Lager heute noch zu erreichen. Wer weiß, was uns des nächtens hier draußen in der Dunkelheit so alles erwartet.“

***

Immer weiter ritten sie, bis sie aus der Ferne schließlich die Feuer des Lagers sichteten. Sie hatten ihr Lager in einer kleinen verlassenen Siedlung am Waldrand eingerichtet, nicht weit entfernt vom Königsdorf. Als sie es endlich erreichten, hatte die Dunkelheit schon längst ihren tiefschwarzen Mantel über das Land gelegt. Wiglaf saß ab und eilte sogleich zu seinem Befehlshaber. „Sie ist da, mein Herr! Wie Ihr befohlen habt. Es gab jedoch einen Zwischenfall, so dass wir ohne Unterlass hierher zurückgeritten sind. Der Heilerin hat der harte Ritt etwas zugesetzt. Irgendwann hat sie ihr Bewusstsein verloren.“

Der Angesprochene wirkte erleichtert.
„Solange sie lebt, Wiglaf! Solange sie lebt! Und nun seid ihr ja hier.“ Er winkte einige in der Nähe stehende Männer herbei. „Bringt sie in meine Unterkunft. Und schickt nach der alten Hebamme und einigen Dorffrauen. Sie sollen sie versorgen. Und ihr, meine treuen Freunde,“ wandte er sich an die erschöpften Reiter, „schöpft bei einem Humpen Bjórr und einem kräftigen Mahl wieder neue Kraft.“ Dann schlug er Wiglaf freundschaftlich auf die Schulter. „Und Du, mein Freund, Du kommst mit mir und berichtest mir, was passiert ist. Ich will alles wissen, nichts sollst du auslassen!“

***

Nur sehr langsam kam sie wieder zu sich. Ihr ganzer Körper schmerzte. Sie hörte leises Stimmengemurmel und ihr fielen sofort die Reiter wieder ein, die sie heute Morgen beim Kräutersammeln auf der Waldeslichtung überfallen und verschleppt hatten. Sie erinnerte sich an ihren kläglichen Fluchtversuch, und die bedrohliche Begegnung mit diesem schrecklichen Landstreicher Halga. Sie hatte ihn schon einige Male unten im Dorf gesehen, und jedes Mal war er entweder betrunken oder in eine Schlägerei verwickelt. Er zog Unglück magisch an. Und zuletzt brachte er das Unglück nun auch zu ihr. Sie war wirklich froh, dass der junge Hauptmann sie beschützt hatte. Er schien ein ehrenwerter Mann zu sein. Und doch hatte er sie überfallen und fortgeschleppt, um sie zu seinem Herrn zu bringen. Wer war sein Herr? Er hatte gesagt, dass er nicht die Befugnis habe, es ihr mitzuteilen. Warum nur machte er ein solches Geheimnis daraus?

Erschrocken von einem plötzlichen Gedanken, riss Ygrit die Augen auf und versuchte, sich aufzusetzen. Doch auf eine so ruckartige Bewegung war ihr geschundener Körper nicht vorbereitet. Ein stechender Schmerz durchdrang plötzlich ihren Kopf. Stöhnend fiel sie sogleich wieder auf das Lager zurück und schloss wieder ihre Augen. „Na, na, Kindchen, ihr solltet es lieber langsam angehen lassen.“, meinte eine gutmütige alte Stimme zu ihr.

Vorsichtig öffnete Ygrit erneut die Augen und sah im Halbdunkel ein altes Weib neben sich sitzen. Im Hintergrund konnte Ygrit noch zwei weitere Frauen erkennen, welche offensichtlich gerade letzte Handgriffe erledigten, um kurz darauf beinahe lautlos aus dem Raum zu huschen. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Alte. Ihr rundes faltiges Gesicht war eingerahmt von einer Haube, die normalerweise Witwen trugen. Lebhafte kleine Augen funkelten sie freundlich an. Sie legte einen kalten Lappen auf ihre Stirn, der sogleich Linderung schaffte.

„Ihr habt heute einiges aushalten müssen, Heilerin. Euer Körper ist ziemlich geschunden. In einigen Tagen werdet Ihr vermutlich schillern wie eine Goldforelle.“ Die Alte stand auf und nahm eine Holzschüssel auf. „Ab jetzt wird sich gut um Euch gekümmert. Ich werde in einigen Tagen noch einmal nach Euch sehen.“ Dann stand sie auf und war verschwunden. Die Heilerin war allein.

Woher, bei Göttermutter Frigg, konnte die Alte nur wissen, dass sie in einigen Tagen schillern würde, wie eine Bergforelle? Als sie sich vorsichtig auf ihre Ellbogen stützte, und an sich herunter sah, wusste sie es. Man hatte sie gewaschen, ihre Wunden versorgt, und ihre Prellungen mit Salbe behandelt. Nun trug sie lediglich ein leichtes Unterkleid, dessen Stoff durchaus edlerer Herkunft war, und welches ihre Brüste und Scham nur eher leidlich verdeckte. Ihr Rumpf war mit Stoffstreifen umwickelt und auch an den Hand- und Fußgelenken war sie verbunden.

Ygrit sah sich um. Wo war sie hier? Sie befand sich in einer kargen Hütte, gebaut aus Holz und Stein, ähnlich ihrer eigenen. Jedoch war diese hier höher gebaut, und hatte schwere verwitterte Holzgiebel, während ihre Hütte sich mit ihrem Runddach aus Reisig und Riet eng an einen großen Felsen drückte, um Schutz vor den eisigen Winden und dem Schnee zu finden. Auch hatte diese Hütte eine befestigte Feuerstelle mit einem eigens gebauten Abzug.

Ihre Hütte hingegen wurde von einem mittigen Feuer gewärmt, dessen Rauch nur durch eine Öffnung im Dach abziehen konnte. Spitzdächer wie diese wurden gewöhnlich dort gebaut, wo sie nicht so starken Winden trotzen mussten. Sie mussten also ein gutes Stück unterhalb der Berge sein, dort, wo die Bäume mehr Schutz boten. Ygrit verzweifelte. Im Falle einer Flucht würde sie mehrere Tage benötigen, um wieder nach Hause zu gelangen. Und ihre Häscher würden sie mit ihren Ponys innerhalb kürzester Zeit eingeholt haben. Sie hatten sie schon einmal gefunden, sie würden es ohne weiteres auch ein weiteres Mal schaffen.

Sie versuchte, sich aufzusetzen. Diesmal gelang es, doch ein klirrendes Geräusch schreckte sie auf. Nach der Ursache suchend, erkannte sie schnell, dass ihre bandagierten Fußgelenke in Metallschellen steckten, die mit einer sehr kurzen Eisenkette verbunden waren. Und um ihre Fluchtgedanken auch gänzlich im Ansatz zu ersticken, waren diese zusätzlich mit einer Kette an einem seitlich neben ihr in der Wand eingelassenen Metallring befestigt. Der Länge der Kette nach zu urteilen, würde sie noch nicht einmal bis zur Holztür der Hütte gelangen. Ihr Bewegungsradius würde nicht viel mehr als auf und um die Lagerstatt herum betragen. Noch nicht einmal das prasselnde Kaminfeuer auf der gegenüberliegenden Seite würde sie erreichen können.

Das Lager auf dem sie lag, war jedoch weitaus größer und vornehmer als ihres. Wo ihres aus einem Haufen Stroh, einem Bärenfell und einigen rauen Wolldecken bestand, lagen hier mehrere Decken von edleren Stoffen auf dem aufgeschichteten Stroh. Sie kam erneut ins Grübeln. Welch hoher Herr verlangte wohl ihre Dienste? Und um welche Dienste würde er sie bitten? Ja, sie war eine berühmte Heilerin. Eir, die Göttin der Heilkunst, war ihr mehr als wohlgesonnen, denn ihre Heilkünste übertrafen die der meisten Dorfschamanen bei Weitem.

Die Frauen der umliegenden Dörfer, die jungen, ja sogar die alten Hebammen, suchten oft ihren Rat in besonders schweren Krankheitsverläufen, schweren Geburten oder bei besonders unangenehmen Erkrankungen, und bisher hatte sie allen durch ihr hervorragendes Wissen und ihre Geschicklichkeit helfen können. Ihre Großmutter war eine ausgezeichnete Lehrerin gewesen, und die meisten ihrer Rezepte hatte Ygrit noch weiter perfektionieren können.

Dem Schamanen und den Männern des nächstgelegenen Dorfes war sie allerdings ein Dorn im Auge, und auch einige der Eheweiber hatten Angst um die Gunst ihrer Männer, zu sehr fürchteten Ygrits Schönheit. Doch außer einigen geringschätzigen Blicken hatte sie nie etwas zu befürchten, denn zum Einen eilte ihr der Ruf als Eirs persönliches Mündel voraus, und niemand wollte sich den Zorn dieser mächtigen Asin zuziehen, indem er der Heilerin Böses wollte. Zum Anderen wurden ihre hervorragenden Heilkünste bis weit über die Dorfgrenzen hinaus überaus geschätzt, und brachten so auch den Dorfbewohnern den ein oder anderen Taler ein. Und eine Ziege, die Milch gibt, schlachtet man bekanntlich nicht.

Wären die Missionare aus dem Süden, die alles und jeden bekehren und taufen wollten, und von denen einzelne verirrte Händler Ygrit berichtet hatten, schon bis hierher vorgedrungen, so hätten sie bestimmt eine Hetzjagd auf sie veranstaltet, mit dem Ziel, sie als Hexe auf einem Scheiterhaufen lebendigen Leibes zu verbrennen. Doch in diese abgelegenen Siedlungen im kalten Norden verirrte sich nur selten ein Fremder, und die alteingesessenen Sturköpfe dort hätten solchen anklagenden Unruhestiftern eher den Kopf abgeschlagen, als ihren alten Göttern, und vor allem ihren alten Gewohnheiten und Lastern abzuschwören.

Sie war noch ganz in ihre Gedanken versunken, als die Tür aufging. „Ihr!“, entfuhr es Ygrit.

***

Neugierig geworden? Wer mehr erfahren will – hier geht es weiter …

Für diejenigen, die gerne noch ein wenig weiter abtauchen möchten, in die wilde Ursprünglichkeit der Tage vor alters her, als die Götter noch zwischen Asgard und Midgard hin und her wandelten …
Ich habe einen kleinen Soundtrack zu meiner Erzählung zusammengestellt. Es waren die Lieder, die ich im Kopf hatte, als ich die Geschichte und Charaktere entwickelt habe. Unter jeden Teil werde ich einen Link setzen, der vielleicht noch einmal zum Abtauchen in die Erzählung verführt. Ich hoffe es gefällt …

In eine andere Zeit verführt von Schandmaul – Anderswelt …
https://www.youtube.com/watch?v=UixKrF2y010

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